Ausgewählt Vittorio Gnecchi zum 150. Geburtstag

Di, 14.07.  |  10:05-11:00  |  Ö1
Der Fall „Cassandra“

Am 17. Juli 1876 kam Vittorio Gnecchi in Mailand zur Welt. Sein Werk, eine Handvoll solider, spätromantisch-„veristischer“ Opern würde uns heute wohl nicht mehr beschäftigen, wenn da nicht seine „Cassandra“ wäre, die am 5. Dezember 1905, immerhin von Arturo Toscanini, in Bologna aus der Taufe gehoben wurde. Wenige Wochen später überreichte Gnecchi verehrungsvoll einen Klavierauszug des Werkes dem größten deutschen Opernkomponisten: Richard Strauss nahm das Geschenk an und präsentierte gut drei Jahre später seine Version des Atridenstoffes. Und die revolutionäre „Elektra“ wies erstaunliche musikalische Berührungspunkte mit Gnecchis „Cassandra“ auf, vom frappant ähnlichen Beginn (bei Strauss das „Agamemnon-Motiv“) bis zu den Orest-Rufen des Finales, die in „Cassandra“ der Titelfigur zugewiesen sind. Der Musikforscher Giovanni Tebaldini schrieb von „Telepatia musicale“, den Begriff „Plagiat“ wollte niemand in den Mund nehmen. Der zunächst beachtlichen internationalen Rezeption von Gnecchis Oper haben die Ähnlichkeiten jedenfalls geschadet, er wurde sogar seinerseits (und in Verkennung der zeitlichen Abfolge) des „Abkupferns“ bezichtigt. Wie „Cassandra“ klingt, lässt sich an einer 2001 erschienenen Live-Gesamtaufnahme überprüfen. Wir besinnen uns des Künstlers Vittorio Gnecchi und des Werkes, nicht nur des Falls „Cassandra“.

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