Du holde Kunst Herta Müller – Dichten mit Schere und Klebstoff
So, 28.06. | 8:15-9:00 | Ö1
Kann man eine Wort-Bild-Collage ins Akustische übertragen? Beziehungsweise: Reicht der bloße Wortgehalt für eine Präsentation des Gedichts im Radio? Herta Müllers aus bunten Zeitungsschnipseln zusammengeklebte Wortbilder sind zweifellos Gedichte, manche verfügen sogar über einen Reim. „Er ist wie ein Wächter, aber er ist auch ein Schelm, einerseits diszipliniert er, andererseits katapultiert er den Text, wohin er will.“ (Herta Müller: „Das Echo im Kopf“). Diese Gedichte bestehen auch ohne ihre Bildgestalt, die Bilder werden sich in den Köpfen der Hörenden zusammensetzen, vielleicht ähnliche, vielleicht ganz andere.Es begann mit der Unzulänglichkeit der Postkarten, die Herta Müller mit deren halblustigen Sprüchen und knallbunten Bildern nicht an Freunde verschicken wollte. Da war die spätere Literaturnobelpreisträgerin erst vor Kurzem aus dem Ceausescu-Rumänien ausgereist und viel unterwegs. Sie begann aus Zeitschriften Bilder und Wörter auszuschneiden und auf Karten zu kleben. Daraus entwickelte sich ein poetisches Verfahren, das mit seinem sinnlich-haptischen Zugang zum Wort, welches in seine Bestandteile zerschnitten und neu zusammengesetzt wird, und das neben anderen Wörtern zu liegen kommt, unerwartete Sinnzusammenhänge erzeugt. Wortschnipsel bedecken den Tisch, füllen Kästen, geordnet in Schubladen nach Eigennamen, Artikeln, Präpositionen. Eine Wortwerkstatt entsteht.
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