Punkt eins Die Pest und der Mensch
Do, 08.10. | 13:00-13:55 | Ö1
Freitag vor einer Woche: Ein russischer Gouverneur postet die Nachricht, dass eine Laborantin des Instituts für Pestbekämpfung im sibirischen Irkutsk an einer schweren Lungenkrankheit gestorben sei. Medien berichteten, sie habe sich an einem versehentlich zerbrochenen Reagenzglas mit dem Pesterreger infiziert. Die Behörden dementierten das umgehend, aber rund 200 Kontaktpersonen der Frau sowie Krankenhäuser und in der Region wurden Medienberichten zufolge unter Quarantäne gestellt. Die USA sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO forderten mehr Informationen und boten Russland gleichzeitig Hilfe an. Medien berichten indes über einen zweiten Mitarbeiter mit einer Lungenentzündung unbekannter Ursache; der Fall wurde noch nicht bestätigt. Yersinia pestis begleitet den Menschen schon lange. Es kommt mit dem Rattenfloh und dessen Wirt. Erreicht es den Menschen mit seiner etwas höheren Körpertemperatur, wird es besonders aktiv. Es kann mehrere Krankheitsbilder auslösen, darunter die Beulenpest, die Pestsepsis und die Lungenpest. Unbehandelt führt die Krankheit zum Tod, vor der Entwicklung von Antibiotika war das praktisch immer der Fall.Als Schwarzer Tod des Mittelalters und der Frühen Neuzeit nach wie vor am besten bekannt, hat Yersinia pestis unsere Medizin- und Kulturgeschichte geprägt und die historische Entwicklung ganzer Zivilisationen mitbestimmt. 1894 konnte der Erreger erstmals identifiziert werden, seither untersuchen wir ihn mit wissenschaftlichem Blick. Wir haben die Geißel der Menschheit in Laboren isoliert und beschrieben: Ein stäbchenförmiges, gramnegatives Bakterium, das selbst keine Geißeln besitzt, aus der artenreichen Ordnung der Enterobacterales.Im 20. Jahrhundert durch Hygienemaßnahmen stark eingedämmt und bei rechtzeitiger Erkennung gut behandelbar, hat uns Yersinia pestis doch nie verlassen. Im 21. Jahrhundert wurde schließlich sein Genom analysiert: Alle heute bekannten Stämme scheinen von der Variante abzustammen, die im Mittelalter in Europa ihr Unwesen trieb. Aber Spuren früherer Varianten weisen darauf hin, dass unser Kampf mit Yersinia pestis bis in die Steinzeit zurückreicht.In Europa konnte die Pest nie wieder vollständig Fuß fassen. Endemiegebiete bestehen nach wie vor in Teilen Afrikas, Amerikas, Zentral- und Ostasiens. Die Krankheit tritt meist in Form begrenzter, aber ernstzunehmender Ausbrüche auf, die WHO zählt einige tausend Fälle pro Jahr. Die Behandlung mit Antibiotika senkt die Letalität auf rund 15 %, ist aber nicht trivial, und einige Stämme des Bakteriums weisen bereits Resistenzen gegen verschiedene Antibiotika auf. Es gibt eine Schutzimpfung, die aber wegen ihrer starken Nebenwirkungen nur selten und bei Risikopersonen angewendet wird; in Österreich ist sie gar nicht verfügbar. Unser Kampf gegen die Pest ist noch lange nicht endgültig entschieden.Die Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer ist zu Gast bei Xaver Forthuber und spricht mit ihm und mit Ihnen über die Pest in Geschichte und Gegenwart. Daniela Angetter-Pfeiffer istSenior Scientist (wissenschaftliche Mitarbeiterin) im Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW und Autorin zahlreicher Bücher zu Mensch, Medizin und Forschung. Reden Sie mit: Rufen Sie in der Sendung an unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at
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