MDR KULTUR trifft Dominik Intelmann Humangeograph, Sozialwissenschaftler, Leipzig/Chemnitz

Sa, 13.06.  |  11:00-12:00  |  MDR Figaro
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Dominik Intelmann promoviert an der Goethe-Universität Frankfurt am Main am Institut für Humangeografie und ist Wissenschaftsreferent am Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex "Offener Prozess" in Chemnitz, dem bundesweit ersten Erinnerungs- und Bildungsort, der die Perspektive der Opfer von rassistischer Gewalt in den Mittelpunkt stellt. Vor 15 Jahren, am 4. November 2011 enttarnte sich die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund", kurz NSU, selbst. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen sich, Beate Zschäpe stellt sich nach kurzer Flucht der Polizei und wurde 2018 vom Oberlandesgericht München als Mittäterin zu lebenslanger Haft bei besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Im Herbst 2026 entscheidet sich, wie viele Restjahre sie noch verbüßen muß. Zwischen 2000 und 2007 ermordete der NSU zehn Menschen, neun davon aus rassistischen Motiven. NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben kam nach zehn Jahren Gefängnis am 20.05.2026 wieder frei. Der frühere NPD-Funktionäre hatte der Terrorgruppe die Tatwaffen für ihre Morde besorgt. Wie soll der NSU-Komplex aufgearbeitet, wie angemessen an die Opfer erinnert werden? Im vergangenen Jahr, am 25. Mai 2025, wurde in Chemnitz "Offener Prozess - Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Sachsen" eröffnet, um diesen Fragen nachzugehen. Neben einer umfangreichen Ausstellung werden Filmreihen, Lesungen, Vorträge und Workshops angeboten. Im Rahmen sogenannter "Critical Walks" können Besucher soziale und politische Räume erkunden, in denen rechte Dominanz damals ungestört wirken und der NSU unentdeckt agieren konnte. Dominik Intelmann, der den Forschungsbereich verantwortet, versucht in einem Oral History Projekt zu den sogenannten Baseballschlägerjahren noch einmal die langen Linien, die rechtsautoritäre Dynamik in Chemnitz und Umgebung nachzuzeichnen, um zu rekonstruieren, wie es zu den NSU-Morden kommen konnte. Seit Ende Mai läuft eine neue Studie. Der Begriff Baseballschlägerjahre beschreibt den extremen Anstieg rechter, rassistischer Gewalt in den 1990er-Jahren.

Das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex "Offener Prozess" in Chemnitz forscht, archiviert, führt Zeitzeugengespräche und kooperiert mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus ganz Deutschland. Eine enge Zusammenarbeit gibt es u.a. in gemeinsamen Lehrforschungsprojekten mit der TU Chemnitz. Ein zugängliches Archiv soll aufgebaut werden, daß gezielt die Lücken der offiziellen Erinnerungskultur füllt und den Fokus auf die reale Erfahrung von Betroffenen rechter Gewalt in Südwestsachsen legt. Der Bundestag hat die Förderung des Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex "Offener Prozess" in Chemnitz für das Jahr 2026 mit Haushaltsmitteln in Höhe von 1,2 Millionen Euro bewilligt. Im Zuge der geplanten Umstrukturierungen und Kürzungen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" ist eine langfristige Finanzierung ab dem kommenden Jahr noch vage.

In Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, wurde Dominik Intelmann 1981 geboren. Nach dem Abitur studierte er bis 2011 Philosophie an der TU Chemnitz und bis 2017 Humangeographie an der Goethe-Universität Frankfurt/ Main. Derzeit arbeitet Dominik Intelmann an seiner Promotion zu den Themen: Orte des Kontrollverlustes, Orte der Handlungsfähigkeit: Zur Geographie von Subjektivierungsformen am Beispiel von Chemnitz und Leipzig. Seit 2024 ist Dominik Intelmann Wissenschaftsreferent am Forschungsbereich bei Offener Prozeß - Ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz.

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